Dr. Peter Heigl

Classicum – Latin and Greek Light !  Yes we can !

Unser Kosmos existiert seit 14 Milliarden Jahren, die Erde seit vier Milliarden Jahren. Es gibt mehr als 100 Milliarden Sonnen in unserer Milchstraße, und es gibt mehr als 100 Milliarden Milchstraßen-Systeme. Menschenähnliche Wesen gibt es seit ca. 4 Millionen Jahren, den so genannten Homo sapiens seit 300 000 Jahren. Schriftliche Überlieferungen von Sprachen gibt es seit wenigen Jahrtausenden.

Die Weisheit des Kosmos ist größer als alle Weisheit, die in allen Sprachen der Welt ausgedrückt werden kann. Wie alle Lebewesen, gehorchen auch Sprachen und Kulturen dem Gesetz des kosmischen Werdens und Vergehens. Ist das so schlimm? Warum sollen wir einer davon eine besondere Bedeutung beimessen? Ist es so schlimm, wenn die Klassischen Sprachen verschwinden?

Meine Antwort: Ja! Es wäre ein unendlicher Verlust, wenn in unserer Bildungslandschaft die Klassischen Sprachen Latein und Griechisch verloren gingen!

Denn: In griechischer Sprache hat sich der europäische Geist geregt und entfaltet, in lateinischer Sprache hat er sich verbreitet und über Jahrhunderte manifestiert.

Wir leben heute in einer globalen Welt. Wir haben unendlich mehr Wissen als die Griechen und Römer zur Verfügung. Unsere modernen Sprachen und Kommunikationsmittel sind wichtiger als alte Sprachen. Und so konstatieren wir mit logischer Konsequenz: Latein und Griechisch spielen nur noch eine geringe Rolle in unserer Bildungslandschaft. Das mehrjährige Latein- und Griechisch-Lernen wird in Zukunft die große Ausnahme sein.

A little bit of Latin, a little bit of Greek!

Es auch keinesfalls sinnvoll und notwendig, dass wir die Klassischen Sprachen in der Weise betreiben wie es der deutsche Bildungsbetrieb vorgibt. Hierzulande werden für das Lernen der Klassischen Sprachen mehrere Jahre angesetzt. Andere Länder Europas zeigen uns jedoch, dass einfache Einführungskurse für Latein und Griechisch möglich sind: „A little bit of Latin, a little bit of Greek!“

Warum nicht auch in Deutschland? Man befürchtet Qualitätseinbußen das Latinums bzw. Graecums. Mein Einwand: Es ist einsichtig, dass man in einem Jahr weniger lernen kann als in drei oder vier. Aber die Standards in den verschiedenen deutschen Bundesländern sind ohnehin verschieden. In Bremen oder Mecklenburg-Vorpommern erhält man das Latinum oder Graecum leichter als in Bayern oder Baden-Württemberg. Auch die so genannten Ergänzungsprüfungen z.B. für Theologen sind an der einen Uni leichter, an der anderen schwerer. Der Standard war noch nie einheitlich, und er hat sich im Verlauf der Zeit immer weiter aufgeweicht.

Warum ist man in Deutschland so fixiert auf das Latinum bzw. Graecum? Weil wir es seit Generationen nicht anders kennen! Wir können und dürfen aber Abschied nehmen von bisherigen lieben Denkgewohnheiten. Ein Blick auf die Geschichte, ein Blick in die europäische Nachbarschaft und ein Blick auf benachbarte Disziplinen sollten uns umdenken lassen.

Wir sollten auch in Deutschland offen sein für leichter begehbare Wege. Es sollten einfache Wege geboten werden, um das Bildungsgut der Klassischen Sprachen kennen zu lernen. Man muss den Einblick in das Lateinische und Griechische entkoppeln von dem Diktat des Latinums oder Graecums.

In der Antike gab es kein Latinum! Es wurde in Berlin geboren!

Die ganze Antike und das ganze Mittelalter hindurch gab es „das Latinum“ oder „das Graecum“ nicht. Man lernte so viel Latein und Griechisch, wie man brauchte. Die Universitäten hielten eine Aufnahmeprüfung ab und prüften, ober ein Aspirant genügend Latein von seiner Klosterschule oder städtischen Lateinschule oder vom Privatunterricht mitbrachte, um für sein jeweiliges Fach gerüstet zu sein. Die Anforderungen waren von Uni zu Uni und von Fach zu Fach verschieden. - „Das Latinum“ und „das Graecum“ entstanden erst mit dem preussischen Schulwesen. Im Jahre 1812 legte die Staatliche Gymnasialordnung fest, dass ein Gymnasiast in den Fächern Latein und Griechisch einen klassischen Text in gutes Deutsch übertragen können müsse. Dafür erhielt man das Latinum bzw. Graecum. Die vom Gymnasium bestätigte Hochschulreife in den jeweiligen Fächern ersetzte die früher übliche Aufnahmeprüfung an der Universität. Diese Regelung wurde von anderen deutschen Staaten übernommen. Das war damals revolutionär und hatte seinen historischen Sinn. Aber wir müssen heute bedenken: Die preussische Schulreform durch Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war die Umsetzung der Staatsphilosophie von G.W.Friedrich Hegel (1770-1831). Er hat alles Gute vom Staat erhofft und erwartet: Höchste Vollendung erfährt der „objektive Geist“ im überzeitlichen, göttlichen Staat, der allein Freiheit, Gerechtigkeit und Kultur ermöglicht. Wir alle wissen, dass wir mit diesem Geist Hegels nicht gut gefahren sind. Warum fällt es uns so schwer, Abschied zu nehmen von den Konstruktionen und Vorgaben der Bildungspolitik des preussischen Obrigkeitsstaates von Gottes Gnaden?

Spielen wir den Gedanken durch, die preussische Gymnasialordnung von 1812 hätte auch festgelegt, was ein Abiturient in Leibeserziehung/Sport oder auf dem Gebiet der Musik zu leisten habe und diese Kriterien mit einem gewichtigen Namen belegt wie das „Sporticum“ oder das „Musicum“. Man hätte festgelegt, wie schnell man die 100 Meter oder die 1000 Meter laufen müsse, wie weit oder wie hoch man springen müsse; man hätte die Fähigkeiten beim Flöten- und Klavier- oder Geigenspielen geprüft, die Kenntnisse im Notenlesen und Musiktheorie, vor allem hätte man 5 oder 15 oder 50 auswendig gelernte vaterländische Lieder verlangt. Die Nationalsozialisten hätte natürlich die Hürden in Sport verschärft zur Ertüchtigung der deutschen Jugend und Soldatentugend, die musische Bildung hätte man zurückgefahren, da ja nicht kriegsnotwendig… Wir leben in Zeiten des Friedens, und wir leben in Zeiten des globalen Wandels, mit allen Vorzügen und allen Problemen. Wir dürfen in freier Meinungsäußerung das Für und Wider unserer Bildungsmaßnahmen hinterfragen. Folglich hätten wir uns schon lange über das „Sporticum“ und „Musicum“ hinweggesetzt, wenn uns die Inhalte fragwürdig geworden sind. Dennoch hätten wir selbstverständlich die wertvollen Elemente des Sports und der Musik bewahrt…

Mit Recht freuen wir uns über Spitzenleistungen. Aber es ist ebenso aller Ehren wert, wenn Lehrer in Schulen und Sportvereinen es schaffen, sportlich durchschnittlich begabte oder gar weniger begabte Schüler zu Bewegung zu motivieren. Im Grunde ist der Breitensport die sinnvollere Sache. Etwas mehr Bewegung der großen Mehrheit nützt der sozialen Gemeinschaft mehr als olympische Ehren der Sportelite.

Der Sinn des Sports ist nicht die einsame Spitzenleistung. Heutige Sportdidaktik an den Schulen hat sich entfernt vom Diktat des Wettbewerbs. Es geht nicht um Siegen und Verlieren. Die Kunst der Sportlehrer/innen und Trainer/innen ist es, Motivation zu wecken. Wenn sie es schaffen, in jungen Menschen Bedürfnis und Freude zu wecken an Bewegung, sportlicher Betätigung und Teamgeist, haben sie Wichtiges erreicht. Nicht siegen, mitmachen ist wichtig. Siege und Spitzenleistungen sind, so schön sie sein mögen, insgesamt eine nachrangige Sache. Und ein Verlust wäre es, wenn durch den übersteigerten Ehrgeiz eines Sportlehrers zwar einer seiner Schützlinge zum Spitzensport aufsteigt, die Mehrheit aber durch seine harten Trainingsmethoden die Lust am Sport verliert. Das beste Ergebnis des Sportunterrichts wäre es, wenn die Schüler lebenslange Freude zu Sport und gesunder Bewegung mit in ihren Alltag nähmen.

Ähnlich in der Musik: Es kommt nicht so sehr darauf an, einen besonderen Grad an Fertigkeit erreichen zu müssen oder Preise zu gewinnen. Spitzenleistungen sind wunderbare Nebeneffekte. Freude an der Musik für viele Menschen ist erstrebenswerter als einige Musikpreise für wenige. Ein Jammer wäre es, wenn durch übermotivierte Lehrer einige wenige Musterschüler herauskämen, und die Mehrheit würde sich von der Musik, weil als Qual empfunden, abwenden. Wenn es die Schulen und Musiklehrer schaffen, Freude am Singen und Musizieren zu wecken, und zwar bei der großen Mehrheit der Schüler und für das ganze Leben, so ist das Entscheidende erreicht.

Die genannten Fächer und Betätigungen sind Selbstzweck, unabhängig von Qualifikationen und Preisen. Es gibt Situationen, die einen klaren Standard erfordern: Wir möchten klare Qualifikationen für den Piloten, der unser Flugzeug steuert, für den Arzt, der uns operiert, für den Ingenieur, der eine Brücke konstruiert, den Automechaniker, der unser Auto repariert, den Lehrer, dem wir unsere Kinder anvertrauen. Aber es gibt auch Gebiete, bei denen überstrenge Hürden unsinnig, schädlich und unpädagogisch sind. So ist es meines Erachtens in der Musik und im Sport, und in ähnlicher Weise sehe ich die Situation für die klassischen Sprachen.

Wer Lust hat, diese beiden Sprachen kennen zu lernen, soll dies tun können, auf einem bunten motivierenden Feld voller Überraschungen. Ohne unnötige Gängelung, Benotung und Beurteilung. Beurteilungen haben erst dann einen Sinn, wenn man bestimmte Kenntnisse vorweisen muss, weil man diese Fächer für das Berufsleben braucht. Dann muss man sich einem fairen Vergleich und Ranking stellen.

So bleibt der Schluss: Manche Wissensgebiete haben ihren Wert in sich selber, Beurteilungen darin sind fragwürdig. Vor allem, wenn ohnehin ungleiche Standards vorherrschen. Deshalb mein Plädoyer: Haben wir den Mut, uns unseliger Nötigungen zu entledigen. Haben wir den Mut, neue Wege zu gehen, die in anderen Ländern übrigens schon längst gegangen werden!

Wir sollten diesen Weg auch anders benennen. Es wäre falsch, die Anforderungen des Latinums immer weiter herunter zu schrauben und es dennoch Latinum zu nennen. In manchen Bundesländern kommt man mit absolut dürftigen Kenntnissen zum Latinum. – Der sinkende Standard ist übrigens nicht nur bei den Schülern zu beobachten: Auch Lehrer müssen zugeben, dass man in früheren Zeiten sehr viel mehr Literatur durchgeackert haben musste, um das Staatsexamen bestehen zu können. Oder: Frühere Altphilologen-Generationen haben ellenlange Gedichte und Homer-Passagen auswendig zitiert. Wir können heute froh sein, wenn wir einen Bruchteil davon schaffen. Wir haben andere Prioritäten gesetzt. Aber es ist nicht ehrlich, ungleiche Dinge mit gleichen Namen zu bezeichnen.

Dann gleich lieber Nägel mit Köpfen: Geben wir dem Kind einen anderen Namen. Latinum bleibt Latinum, mit halbwegs einheitlichen Standards von Süd bis Nord, und für den anderen Weg ist ein anderer Name sinnvoll.

Der Vorschlag: „Basiskurs Klassische Sprachen“ bietet sich an: Das Wort „Basis“ kommt aus dem Griechischen, die Worte „Kurs“ und „Klassisch“ aus dem Lateinischen, und die Kurzbezeichnung „Classicum“ ist eine passende Analogie zu Latinum und Graecum.

Alternative zum Latinum ! Her mit dem Classicum !

Wenn ich als Klassischer Philologe der Meinung bin, dass ich kostbares Gut weitergeben kann, werde ich es gerne unter Beweis stellen. Bin ich eingespannt in eine bürokratische Institution mit festen Regeln, zum Beispiel an einer Schule mit Lernzielen, Richtlinien und Prüfungskriterien, so muss ich mich daran halten; doch ich kann meine Kostbarkeiten auch außerhalb dieser strengen Vorgaben anbieten: Zum Beispiel bei Wahlkursen und Arbeitsgemeinschaften an Schulen. Ein Wahlfach Latein, ein Wahlfach Griechisch, oder die Kombination, ein Basiskurs Klassische Sprachen, ist ein schöner Anfang. Weitere Möglichkeiten sind Kurse an Volkshochschulen und anderen Institutionen der Erwachsenenbildung.

Es gibt viele Wege nach Rom - aber manche wollen gar nicht nach Rom!

Nicht jeder will das Latinum oder Graecum, die wenigsten brauchen es. Das Latinum ist für die meisten nicht mehr erstrebenswert. Aber von größtem Gewinn ist ein Einblick in die Entstehung unserer Sprachen. Dieser Einblick erschließt Horizonte! In fast jedem kulturellen Beruf ist es von Vorteil, wenn man über die Geschichte und Entwicklung unserer Muttersprache und der Fremdsprachen Bescheid weiß. Und es ist von großem Vorteil, wenn ich mich zurecht finde in den oft komplizierten Fachterminologien. Für diesen Zweck braucht man nicht Jahre lang  eine alte Sprache zu lernen. Eine australische Zahnärztin, ein russischer Ingenieur, eine südafrikanische Zoologin, ein chinesischer Botaniker, eine japanische Sängerin, die in Europa arbeiten, brauchen kein Latinum. Sie erarbeiten mit großer innerer Motivation das Vokabular, das sie für ihre Zwecke brauchen. Und dabei kommt immer auch noch sehr viel für die Allgemeinbildung heraus. Genau diese Möglichkeit sollten wir in unserem Bildungssystem für alle, die es wollen, bereitstellen. Wer darüber hinaus noch mehr und weiter lernen will, mag es gerne tun. Ein guter Anfang ist gemacht, und der Weg nach oben ist offen.

Wenn man junge Menschen in ein Museum einsperrt, so lange, dass sie darunter leiden, werden sie das Museum hassen. Wenn man ihnen eine kurze, interessante Führung bietet, werden sie gerne lernen. Im günstigsten Fall werden Sie das Gelernte lieben.

Klassische Philologen suchen nach Schülern. Im Moment erleben wir einen zaghaften Boom des Lateinischen. Doch dieser ist m.E. nicht so sehr genährt von der Freude an Latein, sondern von der Hoffnung, an einer traditionsorientierten Schule besseren und disziplinbewussteren Unterricht für die Kinder zu erhalten als an Allerweltsschulen.

Ich glaube, Klassische Philologen können vor allem mit Griechisch punkten, und vor allem dann, wenn sie über ihren Sprachunterricht eine hohe Allgemeinbildung vermitteln können.

Neue Wege !  Ja zum Classicum !

Die klassischen Sprachen können und müssen heute kürzer und alltagsnäher gelehrt werden als früher. Aber wenn ich als Klassischer Philologe überzeugt bin, dass ich etwas Wertvolles zu bieten habe, dann werde ich mich nicht nur an einer längst vergangenen Gymnasialordnung orientieren, sondern vor allem auch an der Welt, in der wir leben. Dieser Welt haben die klassischen Philologen viel zu geben. Denn:

Die Seele des Kosmos finden wir nicht in Zahlen, sondern in Poesie und in Musik, im Dialog und im Eros. Alles übrigens schöne Wörter aus dem Griechischen, und zu all dem Schönen öffnet uns das Classicum die Tür…  -  Können wir das Griechische retten? Ja, ich denke, wir können es. Aber man muss neue Wege gehen. Es ist zu schaffen. Yes, we can!

- - -

foto sounion classicum